Max Richard Leßmann

Max Richard Leßmann
Biography

1. Single: „Spuren auf dem Mond“

2. Single: „Ich wünschte“

3. Single: „Keine Langeweile“

Album: „Liebe in Zeiten der Follower“

Gemeinsam mit drei Kindheitsfreunden gründete Max Richard Leßmann bereits im Alter von 15 die Indie-Rockband Vierkanttretlager. Die Gruppe veröffentlichte mehrere EPs und zwei Alben, trat erfolgreich beim Bundevision Song Contest auf und spielte zahlreiche Tourneen und Festivals. Außerdem arbeitet er immer wieder für bzw. mit anderen Künstlern an Songtexten, das Spektrum reicht dabei von Prinz Pi, Ferris MC bis hin zu Madsen oder Lina Maly. Darüber hinaus schrieb er ein (bisher unveröffentlichtes) Buch. Meilensteine, die anderen für eine ganze Karriere im Pop reichen würden, dabei ist Max Richard Leßmann gerade einmal 25 Jahre alt und ohne Zweifel eines der vielseitig begabtesten und interessantesten Gesichter des deutschen Pop.

Jetzt müssen wir aber zunächst einen ganz kurzen Moment über unseren Pop-Begriff sprechen. Pop wird in der heutigen Rezeption entweder synonym mit Popkultur eingesetzt – oder mit für den Massenmarkt produzierter Ramschmusik. Wenn es nicht um eine ästhetische, soziokulturelle Betrachtung geht, meint Pop im Allgemeinen also eine Verkürzung des Populärbegriffs auf ökonomische Rentabilität: Pop ist, was erfolgreich ist. Beide Begrifflichkeiten haben ihre Berechtigung. Es gibt aber noch eine andere Pop-Definition, die insbesondere in Deutschland ein wenig in Vergessenheit geraten ist: Pop als universell verständliche, dennoch qualitätsvolle und hochsubstanzielle Musiksprache. Und das ist nun der Popbegriff, über den wir sprechen, wenn wir über „Liebe in Zeiten der Follower“ sprechen, das erste Soloalbum von Max-Richard Leßmann.

Gemeinsam mit seinem kongenialen Kooperationspartner Sebastian Madsen gelingt Leßmann hier eine Spielart von Pop unter Einbeziehung von Elementen aus Swing, Chanson sowie der jüdisch geprägten Populärkultur der Weimarer Republik. Die Musik auf „Liebe in Zeiten der Follower“ ist im Ergebnis universell gültiger, im besten Sinne zeitloser, von allen sonstigen Spezifikationen losgelöster Pop allerreinsten Wassers. Songs wie „Lippenstift“, „Spuren auf dem Mond“ und „Am Hafen“ bilden eine Internationale, die auf Comedian Harmonists und Kurt Weill ebenso verweist wie auf Dean Martin, Scott Walker, Burt Bacharach, Adriano Celentano, die Beach Boys oder Jacques Brel und Gilbert Bécaud.

Wie kam es aber nun dazu, dass zwei eher aus dem Indierock bekannte Musiker ein Album wie „Liebe in Zeiten der Follower“ hinlegen? Die Geschichte sei kurz erzählt:

Weil man mit 25 noch kein abgebrühter Hund ist, hatte Leßmann bislang häufiger Probleme, seine besondere Bühnenenergie ins Studio zu übertragen. In dieser Situation riet ihm Olaf Opal, der Produzent des letzten Albums der Leßmann-Band Vierkanttretlager, zu einem Ortswechsel. „Olaf meinte: ‚Ich habe da einen Kumpel, da fährst du jetzt mal hin. Der hat ein kleines Studio auf dem Land, da gibt es keine Ablenkungen und du kannst dich optimal auf den Gesang konzentrieren’“, erinnert sich Leßmann.

Also begab sich der Sänger mit der Bahn nach Prießeck, Gemeinde Clenze, Wendland. Klassisches Hinterland – und die Heimat der Gebrüder Madsen, die dort ein Studio unterhalten, in dem sie traditionell die Ideen für ihre gemeinsame Band entwerfen. Ein Ort, so Leßmann, in dem „die einzige Abwechslung aus einer Fahrt zum Supermarkt oder in die  Dönerbude besteht“. Er und Sebastian Madsen kannten einander vorher nicht, aber als Madsen ihn am Bahnhof abholte, wusste Leßmann gleich, dass die Chemie stimmte.

Der Wendland-Tipp erwies sich als Glücksfall. Die Aufnahmen mit Madsen gingen derart zügig über die Bühne, dass die Musiker genug Zeit fanden, an allerlei anderen Ideen zu arbeiten. „Das waren Quatsch-Songs für irgendwelche imaginären Spaßbands, Fantasie-Kram, aber auch zwei Songs für das letzte Madsen-Album“, sagt Leßmann. „Wir haben uns einfach auf Anhieb sehr gut verstanden, und daraus hat sich dann ein extremer Output entwickelt.“

Und so kam Max Richard Leßmann eines Abends auf eine Idee: Seine allererste musikalische Liebe als Kind waren die Schlager der Comedian Harmonists gewesen, eine international erfolgreiche Gesangsgruppe, die in der Weimarer Republik gegründet und später von den Nazis zerschlagen wurde. Der junge Leßmann liebte die Klassiker des Ensembles wie „Veronika, der Lenz ist da“, die er als weitaus substanzieller empfand als das, was bei der Oma im Schlagerradio lief. Auch in späteren Jahren behielt er seine Vorliebe für klassisches Songwriting bei, hörte die Beach Boys und Dean Martin, schätzte die direkte Ansprache mehr als das Verklausulierte.

Einziges Problem: Dieser Teil seines Musikgeschmacks war für Max Richard Leßmann im Wesentlichen ein Privatvergnügen. Auf den Tourneen mit Vierkanttretlager konnte er seine Dean-Martin-Files im Bus nicht durchsetzen. Nun ergab es sich aber, dass Leßmann einige Zeit zuvor frisch verliebt ein Gedicht für seine Freundin geschrieben hatte, von der er für eine längere Zeit räumlich getrennt war. Und während er dieses Gedicht schrieb, fiel ihm auf: „Quatsch das ist kein Gedicht! Sondern ein Lied, genau in dem Stil, den ich damals als Kind so geschätzt habe und der mich so sehr geprägt hat.“

Er hatte das für sich getan, als Zeitvertreib und weil es ihm Spaß machte. Aber jetzt, in der Abgeschiedenheit des Wendlands, fiel es ihm wieder ein. Also beschloss er an diesem besonderen Abend – die Stimmung war ausgelassen, eventuell spielte auch Alkohol eine Rolle – Sebastian Madsen sein Gedicht vorzustellen. „Du, Sebastian, ich wollte früher eigentlich immer so Chanson-Swing-Schlagerkram machen“, begann Leßmann, „und, nun ja, ich habe hier einen Text in dieser Richtung.“ Der Legende nach verließ Leßmann danach den Raum – und als er wenige Minuten später wiederkam, hatte Madsen bereits eine Melodie für den Text komponiert.

Der Song, der in jener Nacht in Prießeck entstand, heißt „Ich wünschte“ und ist das, was man früher ein „flottes Lied“ genannt hätte: Ein teilweise gepfiffenes Up-Tempo-Stück mit einem im besten Sinne klassischen Vokalarrangement, hingetupften Streicherbögen und einem absolut unwiderstehlichen Refrain. „Ich wünschte“ setzte den Rahmen für alles, was später passierte und das war einiges. Max-Richard Leßmann konnte es damals noch nicht wissen. Aber mir seinem Gedicht an die Liebste hatte er einen Stein ins Rollen gebracht.

Hierzu muss man wissen, dass Sebastian Madsen ursprünglich aus der Sixties-Schule kommt. Seine erste große Liebe war wiederum das klassische Songschreiberhandwerk der Beatles und Beach Boys. Es ist eine Seite, die in seiner Hauptband Madsen genauso wenig zum Tragen kommt wie die schwelgerische Seite von Leßmann bei Vierkanttretlager – a match made in heaven!

Dabei hätten die beiden das Ergebnis jener magisch-schicksalhaften Nacht zunächst beinahe vergessen. Das Lied „Ich wünschte“ spielt im weiteren Verlauf der damaligen Sessions keine Rolle mehr. Erst über die lange Distanz tut der Song seine Wirkung. Immer wieder hat Leßmann in den folgenden Monaten die Melodie im Kopf, sie lässt ihn nicht los. Im Sommer darauf schließlich die Entscheidung: „Komm, Sebastian, wir nehmen dieses Lied jetzt mal vernünftig auf.“ Das haben sie dann getan – und danach gab es kein Halten mehr. Leßmann fuhr nach Hause, sammelte alles ein, was er sonst noch in dieser Richtung geschrieben hatte, und schickte Sebastian Madsen auch diese Texte. „Ich habe ihm zehn Texte geschickt und am nächsten Tag kamen acht Demos zurück“, erinnert sich Leßmann. Zu sagen, die Ideen von Leßmann hätten eine besondere Dynamik zwischen den beiden Musiker ausgelöst, wäre ein dramatisches Understatement.

Nun ist Max Richard Leßmann ein sprunghafter, hochkreativer Mensch, der ständig 46 Ideen und mehrere Projekte gleichzeitig verfolgt. Einige werden vollendet, andere nicht. Insofern hat sein Manager zunächst nur halb hingehört, als ihm Leßmann schließlich von diesem neuen Ding erzählte, an dem er gerade arbeite. Das änderte sich allerdings schlagartig, nachdem der Mann den Song gehört hatte. Noch in der Nacht klingelte Leßmanns Telefon, bald darauf war eine Plattenfirma für das Projekt gefunden. So langsam steckte die alte Sehnsucht des Max Richard Leßmann nach direkt von Herzen komponierter Musik alle an.

Trotzdem gab es immer noch keinen richtigen Plan, aber der wurde konsequent verfolgt. Immer häufiger fuhr Leßmann nun ins Wendland, Sebastian Madsens Bruder Johannes half bei der Produktion, Sebastian spielte sämtliche Instrumente, Leßmann sang und textete wie der Teufel. Nach einigen weiteren Sessions gingen die Musiker schließlich in die Gaga-Studios zu Hamburg und nahmen dort insgesamt zwölf Songs auf, die Swen Meyer anschließend abmischte.

Dem fertigen Album merkt man nun beides an: Den spontanen Ursprungcharakter der langen Nächte von Prießeck – und die akribische Detailarbeit die anschließend in Hamburg in die Songs floss. „Liebe in Zeiten der Follower“ ist ein Album geworden, das seine Anliegen mit schwelgerischer Opulenz und harmoniesatter Grandezza vermittelt, ohne sie jemals an Schwülstigkeit, Kitsch oder triefendes Pathos zu verraten. Es ist eine Platte über die Liebe und das Leben, über äußere Zwänge und innere Überzeugungen, über das Loslösen von vermeintlichen äußeren Zwängen und das Finden der Kraft in uns selbst.

Natürlich ist Max Richard Leßmann schlau genug zu wissen, was immer und zu jeder Zeit die beste Triebfeder, der gemeinsame Nenner für die allerbeste Popmusik war. So ist es auch hier die Liebe bzw. das Fehlen derselben, die all die kleinen und großen Geschichten zusammenhält. Denn auch davon erzählt diese Platte: Nachdem die ersten Texte noch als Liebesgedichte entstanden waren, kündet etwa „Lippenstift“ vom langsamen Scheitern einer Beziehung an der Alltäglichkeit. Aber eigentlich ist das egal, denn es zählt nicht die Geschichte von Max Richard Leßmann, der Sänger tritt lediglich als Vermittler auf.

„Spuren auf dem Mond“ öffnet die Tür für ein Album, das vom ersten Moment an bewusst nicht zitiert oder sich in Nostalgie verliert. Die Referenzen von „Liebe in Zeiten der Follower“ mögen in der Vergangenheit liegen und auch die Sprache ist meist zeitlos. Aber dass wir es hier nicht mit Kleinkunst-Varieté-Theater im Stile eines Max Rabe zu tun haben, macht bereits der Titel klar. „Auch als Privatmensch muss man ständig, sofern es so was heut’ noch gibt / Fotos machen mit dem Handy, sonst mach man sich unbeliebt“, singt Leßmann in „Küssen“ – um einige Zeilen später zu folgendem Schluss zu kommen: „Doch eigentlich muss man nichts müssen, außer küssen muss man nichts“. Das ist intelligente Gesellschaftskritik, verpackt in einfachen, universell verständlichen Botschaften. Denn wer küsst schon nicht gerne?

„Der Mann im Stream“ ist dann ein Lied über Internet sucht. „Ich habe das Gefühl, dass viele Leute sich vor der Welt im Internet verstecken“, sagt Leßmann. „Man kann heute ohne Probleme tagelang zu Hause sitzen ohne jemals das Haus zu verlassen und dieses riesige Konsumangebot wahrnehmen.“ Leßmann weiß genau, wovon er singt, seinen Netflix-Account hat er vor einiger Zeit gekündigt. Es gibt für diese Art, zeitgeistige Themen auf vermeintlich leichte, humorvolle Weise allgemein verständlich zu machen, eine Tradition in Deutschland, aber man muss sehr weit zurückgehen in der Geschichte, um diese Verweise aufzuspüren.

Denn natürlich ist „Liebe in Zeiten der Follower“ nicht zuletzt ein Album, das erneut die Frage aufwirft, was sich in Deutschland ohne Ausschwitz für eine Popkulturszene hätte entwickeln können. Die Nazizeit hinterließ in diesem Land ein kulturelles Vakuum, das später mit dem Durchhalte- und Weitermach-Schlager der Nachkriegsjahre gefüllt wurde. Eine substanzielle, eigenständige Folk- und Schlagertradition hat sich im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern wie Italien und Frankreich nie entwickeln können.

Nun aber leben wir in Zeiten, in denen eine Platte wie „Liebe in Zeiten der Follower“ unbedingt in die großen Shows von Florian Silbereisen und anderen gehört. Wir haben zu lange verdrängt, Eskapismus kann keine Antwort mehr sein auf die politischen und gesellschaftlichen Fragen der Gegenwart. „Immer nur in den eigenen Kreisen die Ansagen machen, ist eine Strategie, die in dieser Welt nicht mehr zeitgemäß ist“, sagt Leßmann. „Wir müssen aus der Komfortzone, raus aus dem Klein, hinein ins Universelle.“

Max Richard Leßmann macht auf „Liebe in Zeiten der Follower“ also Musik für die Menschen. Es sind Lieder, die Endorphine freisetzen, von denen man sich verstanden fühlt, die man mit anderen Menschen jedes Geschlechts, jeder Generation, jeder ethnischen oder sozialen Herkunft teilen kann und sollte. Weil man all diese Songs tatsächlich auf Anhieb mitsingen und mitfühlen kann. Kurzum: Es ist genau die Musik, die wir in diesen Tagen dringender brauchen, denn je. Dieser Mann hat die Fragen der Zeit verstanden, und indem er seine Antworten mit raumgreifenden Schubidus und satten Streicherharmonien anreichert, macht er sie für jeden zugänglich. Eingemeindung statt Ausgrenzung. Darin liegt das Verdienst von Max Richard Leßmann.

Nicht zuletzt ist „Liebe in Zeiten der Follower“ ein Album geworden, das Leßmann irgendwann machen musste. Wer das Geschehen im deutschen Underground in den letzten Jahren aufmerksam verfolgt hat, für den war der Name Max Richard Leßmann stets ein großes Versprechen, dem vielleicht noch ein bisschen der letzte Schliff fehlte. Nun hat er dieses Versprechen auf überaus eindrucksvolle Weise eingelöst. Es war an der Zeit.

Text: Torsten Groß

(Caroline/Universal)


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