Lina Maly

Lina Maly
Biography

1. Single: „Mond“

2. Single: „Ich freue mich“

Album: „Könnten Augen alles sehen“ 

 

Zehn Schritte näher an sich selbst. Lina Maly veröffentlicht mit „Könnten Augen alles sehen“ nicht einfach nur ein zweites Album. Sie etabliert sich auch weiter als starke, eigenständige Künstlerin, als Streiterin für die Schönheit des Unperfekten und als Instanz der Aufrichtigkeit in der deutschen Popmusik.

Lina Malys zweites Album fühlt sich für die Künstlerin selbst nach eigener Aussage „eigentlich mehr wie ein Debüt an“. Das hat viele, sehr nachvollziehbare und spannende Gründe. Aus anderen aber klingt „Könnten Augen alles sehen“ weniger wie ein Erstling, als wie das mutige Werk einer gestandenen Künstlerin. Die Wahrheit wiederum liegt, natürlich, genau dazwischen.

Denn nachdem Lina für ihr erstes Album noch mit einer Vielzahl namhafter Songwriter und Produzenten zusammenarbeitete, ist die Mannschaft heute deutlich kleiner. Für die Produktion waren dieses Mal Sven Ludwig (Ok Kid) und Jochen Naaf (Maxim, Bosse) gemeinsam zuständig, Musik und Text stammen nun beinahe ausschließlich aus Linas eigener Feder . Das Arbeiten in größeren Teams ist in der Popmusik schon lange und gerade bei jüngeren Künstlern gängige Praxis, doch Lina Maly wollte für ihr zweites Album mehr. Beziehungsweise weniger. Weniger Meinungen von außen, mehr zeigen von sich selbst . Um so der eigenen Wahrheit, dem eigenen Wesen immer näher zu kommen: „ Ich habe mir gesagt: Wenn ich das jetzt mache, wenn ich jetzt diesen Weg gehe, dann so richtig.“ Ein Album machen also, dass noch viel mehr Lina Maly ist, noch näher dran ist, noch tiefer blicken lässt. Das auch mal weh tut. Vor allem auch ihr selbst.

Diese Emanzipation, dieses Bekenntnis zu sich selbst, spiegelt sich in fast jedem Song wider. Etwas, das Lina selbst erst auffiel, als das Album lange fertig war. „Als ich die neuen Songs das erste Mal Live gespielt habe, ist mir auf einmal aufgefallen, wie sehr es in allen Songs immer auch um Selbstbestimmung und innere Freiheit geht. Das war mir beim Schreiben gar nicht so klar. Aber das sind Dinge, die mich in den letzten zwei Jahren sehr beschäftigt haben, die Worte haben sich dann wohl einfach einen Weg gesucht.“

Auch die restlichen Themen des Albums, das ebenso immer wieder Ton und Stimmungen des Debütalbums aufgreift, weiterdenkt und ergänzt, scheinen nicht weniger zwingend zu sein.

Die Suche nach Wahrheit und Klarheit etwa, der Blick hinter die Masken und Filter, das Aufbäumen gegen die Künstlichkeit der Dinge, die Sehnsucht nach Natürlichkeit und aufrichtigen Momenten. Auch das zieht sich wie ein roter Faden durch beinahe alle Stücke. Genau wie die Freundschaft, schon auf „Nur zu Besuch“ ein Leitthema, wirft Lina Maly hier noch ein helleres Licht auf dieses zerbrechliche und zugleich unverwüstliche Konstrukt.

In „Mond“ etwa singt Lina Maly von zwei Menschen, die sich fühlen wie das Meer. Der Mond zieht die beiden auseinander, vor allem den einen treibt er oft weit nach draußen. Bei diesem Bild muss man unwillkürlich an ein Paar denken, dass nebeneinander im Bett liegt und auf die Smartphones schaut, die Gesichter erhellt vom blau-weißen, gespenstisch mondgleichen Licht. Der Mond, also das, was uns auseinander reißt, was uns voneinander entfremdet und uns sehnsuchtsvoll am Ufer warten lässt, kann natürlich vieles sein. Einen möglichen Mond aber, hat heute jeder zu jeder Zeit griffbereit in seiner Hosentasche. Die Kritik, die Lina Maly übt, ist mal subtil, mal von einer trotzig charmanten Kindlichkeit. In „Gesicht“ etwa fordert sie ihr Gegenüber auf, ihr endlich die Wahrheit zu sagen, die Wirklichkeit zu zeigen, nämlich ganz exemplarisch für eine Zeit, in der die Realität jeder Orts Schönheitskorrekturen erfährt, ein Gesicht ohne Filter.

Bei all der Schwere, die viele dieser Themen in sich tragen, gelingt es Lina Maly jedoch, nie die Leichtigkeit zu verlieren. Musik und Stimme sind beide stets klar und sphärisch zugleich, ganz nah beim Zuhörer und doch an tausend schönen Orten. „Es ist vorbei und ich freu mich“ singt Lina Maly, es ist das leichtherzigste Abschiedslied , dass man sich vorstellen kann. Es ist auch das Gefühl, dass sich bei vielen einstellen mag, wenn sie „Könnten Augen alles sehen“ das erste Mal gehört haben. Aber natürlich nicht deshalb, weil es vorbei ist. Sondern wegen all dem, was Lina Maly uns während der Spielzeit ihres zweiten Albums mitgegeben hat. An Mut, an Mitgefühl, an scharfen Blicken fürs Wesentliche. Und natürlich an schnörkelloser und doch wahnsinnig eingängiger Popmusik. Mit Haltung. Und dann ist da noch letzte und schließlich beste Grund sich zu freuen, dass das Album vorbei ist: Man kann es gleich noch mal von vorne hören. Und das sollte man.

Max Richard Leßmann

(Warner Music)