The Cranberries

The Cranberries
Biography

1. Single: „All Over Now“

2. Single: „Wake Me When It’s Over“

3. Single: „In The End“

Album: „In The End“

Während viele Bands krampfhaft nach einem zeitlosen Sound streben, der sich unbeeindruckt über die Launen der sich stets wandelnden Musiktrends hinwegsetzt, sind The Cranberries einer der wenigen, die dieses tatsächlich geschafft haben. Ganz gleich ob man „Linger“ oder „Dreams“ oder irgendeine andere der frühen Hymnen der irischen Rockgruppe spielt – sie klingen auch heute noch modern und überraschen mit einer ungeheuren Energie – ganz so, als hätten sie den Herzschlag der 90er Generation in sich eingeschlossen.

Nun – fast 30 Jahre nachdem das Quartett bestehend aus Singer-/Songwriterin Dolores O’Riordan, dem Co-Autor und Gitaristen Noel Hogan, Bassist Mike Hogan und Schlagzeuger Fergal Lawler zum ersten Mal auf der Bildoberfläche erschienen sind, kehren sie mit ihrem achten Album “In The End” zurück. Nach dem traurigen und völlig unerwarteten Tod von Dolores am 15. Januar 2018 wird es das letzte aber auch eines der besten Alben sein, welches sie jemals veröffentlicht haben.

Wirft man einen Blick zurück auf die Karriere der Cranberries, stellt man fest, wie überaus bedeutsam der kulturelle Einfluss der Band nicht nur in ihrer Heimat Irland oder Großbritannien und Amerika sondern überall in der Welt war: Dass sie mehr als 40 Millionen Alben verkauft haben, macht sie zu einer der größten und erfolgreichsten Rockbands der Welt. Und trotz ihres immensen Erfolgs haben sie es geschafft, über all die Jahre niemals an Authentizität, Ehrlichkeit und vor allem Direktheit einzubüßen, die einen mitten ins Herz trifft. Charakteristisch für die Band war natürlich in erster Linie Dolores’ unverwechselbare Stimme, die in ihrer Brandbreite von engelsgleich sanft bis hin zu kraftvoll zornig reichte und das mit gleichermaßen atemberaubendem Effekt. Als sie 1995 gemeinsam mit der Opernlegende Luciano Pavarotti das „Ave Maria“ interpretierte, war es gesanglich wie stimmlich eine überwältigende Darbietung.

Zu den weiteren Stärken der Band zählen ihre geschmeidigen Melodien und Dolores’ unverblümte Art sich in ihren Texten auszudrücken. Ganz gleich ob sie nun über persönliche Beziehungen oder politische Gewalt geschrieben hat – es kam stets aus tiefstem Herzen. Allen Songs gemein ist, dass sie davon handeln ‚wie Menschen miteinander umgehen’ – so hat sie es selbst einmal beschrieben. „Ehrlich gesagt, hat sie sich niemals darum gesorgt, was andere über sie denken könnten“, sagt Noel. „Oft hieß es ‚Das Gefühl in mir ist so stark, dass ich einfach darüber schreiben muss, wie auch immer die Reaktionen dazu ausfallen werden. Und wenn sie sich das Maul darüber zerreißen, ist es eben so.’“

Alles begann als sich Fergal Lawler und die beiden Hogan-Brüder aus dem irischen Limerick stammend regelmäßig trafen. Ihrer Liebe zu Bands wie The Cure oder auch The Smiths ist es zu verdanken, dass sie Mitte der 80er Jahre beschlossen, es selbst mit der Rockmusik zu versuchen. Ursprünglich startete die Band als Quartett mit einem männlichen Sänger, der allerdings im Frühjahr 1990 nach nur sechs Monaten die Band schon wieder verließ, nicht jedoch ohne eine aus Ballybricken, einer kleinen Stadt außerhalb von Limerick, stammende Freundin als Ersatz zu empfehlen.

Die Band veranstaltete also eine Audition und dann stand sie plötzlich da – ein schüchternes Mädchen mitten zwischen den jungen Burschen aus der Stadt. „Sie war scheu wie ein kleines Reh“, erinnert sich Noel noch sehr gut an das erste Treffen mit Dolores – bis sie anfing zu singen. „Sie hat uns schlichtweg umgehauen“, erzählt Mike. „Ihre Stimme war etwas ganz besonderes.“ Dolores verliebte sich auf Anhieb in die Jungs: „Was ich da hörte, mochte ich sofort. Es war schön und richtig gut zugleich“, erinnerte sie sich später. „Die hatten großes Potential, aber sie brauchten dringend einen Sänger – und eine Richtung.“ Und da war klar, dass die Drei ihr neues Bandmitglied gefunden hatten.

Die Band gewann mit Dolores nicht nur eine attraktive Frontfrau sondern auch eine brillante Musikerin. Bereits als kleines Mädchen erhielt sie eine Ausbildung am klassischen Klavier, spielte Klavier und Orgel in der kleinen Kirche und sang im Chor. Dolores beschrieb ihren oft vollgepackten Tagesablauf wie folgt: „Für gewöhnlich ging ich nach der Schule zu den Klavierstunden, manchmal musste ich in die Kirche, zuhause warteten die Hausaufgaben und danach bin ich ins Bett gegangen.“ Im Alter von 17 Jahren brachte sie sich selbst das Gitarrespielen bei. „Mal ganz abgesehen vom vielen Üben – sie hatte einfach ein ‚erstaunliches Gehör’“, erzählt Noel. „Vor allem am Anfang war sie uns allen haushoch überlegen, aber das war gleichzeitig das Beste, was uns passieren konnte, denn so waren wir schlichtweg gezwungen, einen Zahn zuzulegen und uns zu verbessern.“

Noel und Dolores merkten schnell, dass sie beim Songwriting auf einer Wellenlänge lagen. Umso interessanter ist es, dass sie niemals zusammen in ein und demselben Raum geschrieben haben. Vielmehr war es so, dass Noel mit seiner Gitarre ein paar Melodien auf Kassette aufnahm und diese Dolores gab, damit sie wiederum Strophen und Refrains dazu texten konnte. Die ersten zwei Jahre schrieben die beiden wie verrückt, erinnert sich Noel. „Wenn du  jemandem begegnest, mit dem es derartig Klick macht, dann willst Du einfach so viel erschaffen wie nur irgend möglich.“

Etwa zu dieser Zeit machte die Band mit dem Demo-Tape zu „Linger“ bei den Plattenlabeln in London auf sich aufmerksam und wurde binnen kürzester Zeit DAS Gesprächsthema. Nach einem Gig in der Universität von Limerick, bei dem insgesamt sage und schreibe 32 A&R-Leute zugegen waren, unterzeichneten sie im Sommer 1991 einen Plattenvertrag bei Island Records. Der Hauptgrund, warum das Erfolgs-Label den Zuschlag bekam, war in erster Linie Denny Cordell – der legendäre Plattenproduzent, der zur damaligen Zeit bei Island Records als A&R arbeitete. Cordell erkannte das große Potential der Band auf Anhieb, versprach der Band, dass sie sich Zeit für ihre Entwicklung nehmen dürften und schlug vor, zunächst ausgiebig zu touren.

Bereits im folgenden Jahr begannen die Aufnahmen zu ihrem Debütalbum „Everybody Else Is Doing It So Why Can’t We?“. In der Zusammenarbeit mit Produzent Stephen Street erfüllte sich für die Cranberries ein Traum, hatte dieser doch bis dato schon für Künstler wie The Smiths und Blur produziert aber auch für Morrisseys erstes Soloalbum „Viva Hate“ mitgeschrieben. Street zeichnete hernach auch noch für vier weitere Cranberries-Alben verantwortlich – inklusive „In The End“. Noel würdigt vor allem, dass er wesentlich an der Kreation des für die Band typischen mitreißenden epischen Sounds beteiligt war. „Was sich bei der Produktion des Albums entwickelte, ließ sich nicht ausschließlich auf die Qualität der Lieder zurückführen – es war vor allem auch die Produktion, die etwas bei den Songs bewirkte.“ Der Albumtitel war – wie bei allen anderen Alben auch – Dolores’ Idee und der perfekte Ausdruck für ihren unbedingten Willen zum Erfolg. „Elvis war nicht immer Elvis“, versuchte sie zu erklären. „Er ist nicht als Elvis Presley geboren worden, sondern als eine Person an einem zufälligen Ort. Warum sollte also nicht auch eine Band aus einer kleinen Stadt im Südwesten Irlands gesignt werden, eine großartige Platte machen und die Welt erobern?“

Und das taten sie – der Albumtitel wurde zum Programm. Der unglaubliche Erfolg von „Everybody Else Is Doing It, So Why Can’t We?“ ist nach wie vor beeindruckend: Das Album wurde in Großbritannien im März 1993 veröffentlicht und schoss sprichwörtlich durch die Decke nachdem „Linger“ von einem US-College-Radiosender auf Rotation genommen wurde und die Band fast ununterbrochen auf der anderen Seite des Atlantiks tourte. Der Longplayer eroberte sowohl in Irland als auch Großbritannien die Spitze der Charts und verkaufte sich weltweit mehr als sechs Millionen Mal. Sowohl mit dem herzzerreißenden „Linger“, ein Song, der Dolores’ Erfahrung ihres ersten Kusses entstammte als auch mit dem ausgelassenen „Dreams“ beschreibt die Band die Höhen und Tiefen junger Liebe mit unvergleichlicher Zärtlichkeit.

Wohl niemand hätte als nächstes Lebenszeichen einen Song wie „Zombie“ erwartet. Die Lead-Single des zweiten Albums „No Need To Argue“ aus dem Jahr 1994 glich einem die damalige Zeit reflektierenden Wutausbruch. Es ist ein Stück über die IRA-Bombenanschläge in der britischen Großstadt Warrington, bei dem zwei Jungs ums Leben kamen. Die verzerrten Hardrock-Gitarren und Dolores’ markanter Gesang drücken die tiefe Verachtung der Band über die Gewalt des irischen Konflikts aus. „Dieser Song ist unser Aufschrei gegen die Unmenschlichkeit der Menschen gegen ihre eigene Art, die Unmenschlichkeit gegenüber Kindern. Unser Aufschrei gegen Krieg, bei dem Babys sterben, und gegen Belfast und Bosnien und Ruanda,“ erklärte Dolores damals. „Das war ganz klar ein Wendepunkt für uns“, erzählt sich Noel. „Ich erinnere mich noch genau an den Tag, als sie mit dem Song zu uns kam. Wir waren in einer kleinen Hütte in Limerick, wo wir damals probten. Sie kam rein und begann sofort, den Song mit einer Akustik-Gitarre zu spielen. Als wir einstimmten, sagte sie ‚Nein, das muss wuchtiger sein – das ist ein zorniger Song!

In gleichem Maße wie es einen immensen kulturellen Einfluss hatte, wirkte es sich auch musikalisch verändernd auf die Band aus. „Wir lernten durch den Song, dass man mit Aggressivität eine Menge bewirken kann – insbesondere bei Live-Auftritten. Es machte einen riesigen Unterschied für uns, weil wir auf einmal eine laute, hymnische Band waren“, sagt Noel. Beides – sowohl der härtere Sound als auch der Fokus auf die Lyrics – findet sich auf dem dritten Album „To The Faithful Departed“ (1996) wieder.

Mit „Bury The Hatchet“ (1999) und „ Wake Up And Smell The Coffee“ (2001) folgten zwei weitere Alben, die den Reifeprozess und die Lebenserfahrungen der Band reflektierten: So beschreibt „Animal Instinct“ aus dem Album „Bury The Hatchet“ zum Beispiel auf sehr eindrückliche Weise Dolores’ Erfahrungen, die sie machte, als sie selbst Mutter wurde. 2003 waren alle vier Bandmitglieder reif für eine Pause. Nach einer intensiven Dekade unzähliger Studio-Sessions, etlicher Charterfolge und unermüdlichen Tourens rund um den Globus, folgte eine kreative Auszeit, in der sich die einzelnen Bandmitglieder auf eigene Musikprojekte konzentrierten.

Als die Band jedoch 2009 für eine Welt-Tournee wieder zusammenfand, fühlten sie auch die alte Energie und hatten Lust, neues Material zu schreiben. Das Ergebnis kann man auf ihrem nächsten Album „Roses“ (2012) hören – eine besonders atmosphärische Songsammlung, die mitunter gänzlich neue Soundeinflüsse enthält. „Dadurch, dass wir uns in der Zwischenzeit alle in zum Teil ganz unterschiedliche  Richtungen ausprobiert und auch weiterentwickelt haben, kamen wir voll mit Ideen und Erfahrungen zurück in die Band und brachten diese natürlich auch mit ein. Diese neue Art der Zusammenarbeit war großartig – es war das reinste Vergnügen, dieses Album zu machen.“ beschreibt Noel. Zu den besten Songs gehört sicherlich der außergewöhnliche Titeltrack, den Dolores in Erinnerung an ihren 2011 verstorbenen Vater geschrieben hat – einer der richtungsweisendsten Personen im Leben der Sängerin.

Es folgte eine weitere Pause bevor im Jahr 2017 das Album „Something Else“ erschien. Mit Hilfe des Streichquartetts des Irish Chamber Orchestra, dem Universitäts-Orchester von Limerick, wurden einige Cranberries-Klassiker neu eingespielt. Das Album wurde sogar in Limerick aufgenommen – es sollte das einzige sein, das sie in ihrer Heimatstadt vollendet haben. Was das Resultat vordergründig ausmacht, ist die fundamentale Kraft der Melodien. „Heute würde ich niemals einen Song wie damals schreiben – ganz im Gegenteil. Sie sind einfach zu simpel“, erklärt Noel. „Aber ich bin überzeugt, dass es gerade die Einfachheit der Songs ist, die die Menschen berührt.“

Es war während der Akustiktournee 2017, als es Dolores und Noel erneut in den Fingern juckte und sie wieder zu schreiben begannen. Dolores kämpfte damals mit starken Rückenschmerzen und sah sich gezwungen, die restlichen Live-Termine abzusagen. „Sie ging zurück nach New York, wo sie damals lebte, und ich ging nach Frankreich, wo ich später meine Familie treffen wollte. Ich war also ein paar Wochen allein, wir langweilten uns beide und ich dachte, warum schauen wir nicht, ob wir ein neues Album schreiben können“, erinnert sich Noel. Und in den folgenden sechs Monaten entstanden so die Ideen zu den Songs, die nun auf dem neuen und letzten Album „In The End“ zu hören sind.

Nach Dolores’ Tod begann die Band noch immer um ihre Freundin trauernd irgendwann die Tonbänder zu sichten, die die Cranberries-Sängerin für das neue Album aufgenommen hatte. Eines war von vorn herein klar: Sie würden kein einziges Stück veröffentlichen, das nicht mindestens brillant wäre. Nach einiger Recherche stellten sie glücklich fest, dass sie genügend Material in den Händen hielten, um ihr Vorhaben in die Tat umsetzen zu können. „Wir fanden zunächst kleine Bruchteile von Songs – hier eine Strophe, da einen Chorus, den sie mir noch nicht geschickt hatte, aber keine zweite und so weiter“, ruft sich Noel ins Gedächtnis. „Aber dann brachte uns Dolores’ Freund eine Festplatte, auf der wir fehlende Puzzleteilchen fanden, um Songs vervollständigen zu können.“ Dolores hatte ein unglaubliches Gesangstalent – das half natürlich sehr. „Sogar an einem schlechten Tag war sie einfach nur großartig.“

Auch dieses Mal begab man sich mit dem vorliegenden Songmaterial vertrauensvoll in die Hände von Stephen Street. Mit der Veröffentlichung des Albums “In The End” kehren die Cranberries zu ihrem musikalischen Ausgangspunkt und allerersten Longplayer zurück. “Als wir uns die Demos anhörten, fiel uns sofort auf, dass der Sound viel näher an unserem ersten Album ist, als alles was wir in der Zwischenzeit veröffentlicht hatten. Vor allem Dolores’ sanfter Gesang, aber auch die Einfachheit einiger Songs versetzte uns zurück in unsere Anfangszeit,” resümiert Noel. Es ist ein Album, das einen sofort kriegt – Ton für Ton: Allein der Auftakt ist überwältigend und erinnert an die musikalische Bandbreite der Band. Das treibende „All Over Now“ ist eine klassische Cranberries-Hymne, bei der sich Dolores’ Gesang über eine zerbrochene Beziehung den Gitarren im Hintergrund deutlich entgegenstellt, um ihnen ein wenig später wiederum zu folgen. Die eindringliche Streicher-Ballade „Lost“ nimmt ein wenig das Tempo heraus und macht Raum für Dolores’ sehnsuchtsvolle Stimme, die sich genau zu jenen Höhen aufschwingt, die unweigerlich die Seele berühren. Während man sich hingegen an anderer Stelle aus den Klauen des schlechtgelaunten „Wake Me When It’s Over“ windet und über das sanfte, ein wenig Country-angehauchte „A Place I Know“ bis hin zum fröhlichen Jangle-Pop-Song „The Pressure“ hangelt.

Sofern es überhaupt ein übergeordnetes Thema gibt, würde man wohl am ehesten sagen, dass das Album dafür steht, „reinen Tisch zu machen“ und Neuanfänge zu wagen – ganz so wie Dolores sich zuletzt sowohl in Bezug auf ihr persönliches wie auch kreatives Leben gefühlt hat: beflügelt und bereit für eine neue Phase. „Ich erinnere mich an ein Gespräch letzten Sommer – sie sagte ‚Ich fang’ jetzt noch mal von vorn an’ und es ist ja auch Thema vieler Songs auf dem Album“, schließt Noel. Aber die Lyrics bilden – wie immer bei den Cranberries – nicht nur persönliche Erfahrungen der Band ab, sondern lassen sich stets auch in ein universelles Gefühl übersetzen und werden somit zu etwas, mit dem wir uns alle identifizieren können – egal wie alt wir sind, welches Geschlecht oder welche Persönlichkeit wir haben.

Die überwältigenden Reaktionen der Öffentlichkeit auf Dolores’ Tod zeigen es mehr als deutlich: Die Zeit der Cranberries als aktive Band mag vielleicht vorüber sein, aber ihr musikalisches Vermächtnis wird für immer weiterbestehen.

In The End – Tracklisting:

  1. All Over Now
  2. Lost
  3. Wake Me When It’s Over
  4. A Place I Know
  5. Catch Me If You Can
  6. Got It
  7. Illusion
  8. Crazy Heart
  9. Summer Song
  10. The Pressure
  11. In The End

(BMG Rights Management)


CHARTPEAK

Offizielle Deutsche Albumcharts #08 [KW18-2019]