The Pretenders

The Pretenders
Biography

Double-A-Singles: „The Buzz“ / „Hate For Sale“

Album: „Hate For Sale“ (VÖ 17.07.2020)

Bio by Les Foster

Das neue Pretenders-Album „Hate For Sale“ wurde von Stephen Street produziert und erscheint im Mai 2020. Es enthält zehn neue Songs, die von Chrissie Hynde und Pretenders-Gitarrist James Walbourne geschrieben wurden; die bis dato allererste Hynde/ Walbourne-Kollaboration. Ich treffe Hynde an einem stürmischen Februar-Nachmittag in ihrer Londoner Wohnung zum Gespräch.

Hynde – gekleidet in Road-Crew-Merchandise, statt der gewohnten dunklen Locken finden sich in ihrer markanten Mähne heute verschiedene Blondgrautöne – sieht im Grunde aus wie immer: Verlaufenes Mascara, Skinny-Jeans und ein „Akron, Ohio“-Hoodie. Sie wirkt sichtbar enthusiastisch, über einer Kanne kräftigen English Breakfast-Tees über ihr neues Album zu sprechen.

LF: Warum hat es so lange gedauert, die Songwriting-Kollaboration mit James umzusetzen?

CH: Ich wollte schon von Anfang an mit ihm schreiben, doch unsere Terminkalender haben es einfach nicht zugelassen. James ist super gefragt und hat mit Jerry Lee Lewis, Dave Gahan und The Rails aufgenommen, um nur ein paar zu nennen. Einfach jeder will mit ihm arbeiten und ich habe das große Glück, ihn so lange für diese Sache begeistern zu können. Wir hatten ursprünglich geplant, auf Tour zu schreiben. Doch wie jeder, der in einer Band spielt bestätigen kann, ist das fast unmöglich. Auf Tour zu sein, ist das Paradies für jeden Prokrastinierer. Jedenfalls ergab sich dann nach der „Alone“-Tour ein Zeitfenster, in dem wir ein paar Wochen frei hatten, um uns in Ruhe den Songs zu widmen. Und sie fingen buchstäblich an, nur so aus uns heraus zu fließen. Wir erkannten, dass unser Schreiben nach den gemeinsamen Liveerfahrungen so natürlich wie eine Kindesgeburt ist. Danach gingen wir wieder auf Tour mit Stevie Nicks, mit der wir in den Staaten und Australien waren, Südamerika mit Phil Collins, Fleetwood Mac und schließlich ein paar eigene Konzerte. Als wir wieder zurück waren, um die Songs fertig zustellen, hat sich das gut angefühlt, als würde man sein Lieblingspaar Stiefel anziehen.

LF: Dies ist das allererste Album, auf dem das Line-Up zu hören ist, mit dem du in den letzten 15 Jahren auf Tour warst: James Walbourne, Nick Wilkinson und Martin Chambers.

CH: Richtig, und es wurde auch Zeit! Es gibt nur einen wahren Martin Chambers. Pretenders-Fans auf der ganzen Welt werden seinen einzigartigen, sofort wiedererkennbaren Stil buchstäblich verschlingen. Jeder Drummer, den ich bisher kennengelernt habe, zählt Mart zu seinen absoluten Lieblingen.

LF: Warum ist erst dies nun das erste Album, das du mit deinem langjährigen Touring-Line-Up aufgenommen hast?

CH: James, Mart, Nick und ich sind zu einer gut geölten Tour-Maschine zusammengewachsen. Allerdings haben unsere Terminkalender dazu geführt, dass wir nicht immer zur gleichen Zeit in der gleichen Stadt oder dem gleichen Land waren. Also habe ich auf die Leute zurückgegriffen, die verfügbar waren. So wie mit dem „Alone“-Album: Ich begab mich nach Nashville, um mit Dan Auerbach im Studio zu arbeiten. Eigentlich war er nur für die Produktion gebucht; aber er ist so ein exzellenter Gitarrist, so dass ich ihm auch noch den Rest aufgebürdet habe, während James sowieso am Rails-Album arbeitete. Dan kennt jeden Musiker in ganz Nashville; ich habe ihn einfach machen lassen. Ich habe es sehr genossen, all diese Country-Musiker zu treffen. Und Fakt ist, dass einfach jeder Country-Musiker in Nashville im Grunde Rockmusik machen will – eine echte Win-Win-Situation. Dans rechte Hand und bester Freund, der Multiinstrumentalist Richard Swift hat schließlich auf jedem Track Schlagzeug gespielt und das Artwork gemacht. Wir haben so schnell gearbeitet und das ganze Album in nur elf Tagen aufgenommen; ich hatte gar nicht die Gelegenheit, meine Jungs noch aus England dazu zu holen. Doch das Ergebnis war einfach rocktastic. Trotzdem wollte ich unbedingt mit dem echten Pretenders-Line-Up ein Album aufnehmen, was nun endlich auch passiert ist.

LF: Ist es eine Pretenders-Tradition, auf euren Alben eine so breite Stilpalette zu präsentieren? Es scheint immer ein paar rockige Songs zu geben, einige Mid-Tempo-Stücke, radiotaugliche Tracks im klassischen Pretenders-Sound und ein oder zwei Balladen. Oh, und natürlich eine Reggae-Nummer.

CH: Das ist tatsächlich eine Tradition, die auf allen Pretenders-Platten zu finden ist. Ich glaube, wir sind heute in unserer „Man soll nicht reparieren, was nicht kaputt ist“-Phase.

LF: Erzähl mir ein wenig mehr über die Entstehung der Songs.

CH: Nun, wir alle lieben Punk. Man könnte wohl sagen, dass man den Titelsong „Hate For Sale“ als unseren Tribut an die Punkband bezeichnen könnte, die ich als die musikalischste in ihrem Genre betrachte – The Damned.

LF: Handelt der Titel „Hate For Sale“ von einem Politiker? Die Lyrics „He´s got a curly tongue and and curly tail“ lassen so etwas vermuten.

CH: Haha, das ist witzig! Nein, er handelt nicht von Donald Trump oder Boris oder Bolsonaro. Keiner meiner Songs spielt auf die Politik an – sie handeln größtenteils von meinen Exfreunden.

LF: Was ist mit dem Reggae-Song „Lightning Man“ – handelt er auch von einem Ex?

CH: Nein, dieser Song nicht. Es ist eine traurige Geschichte. Dan Auerbach rief mich an um mir zu berichten, dass Richard Swift in eine Sterbeklinik eingeliefert worden wäre. Ich hatte keine Ahnung, dass es ihm so schlecht ging. Sein exzessiver Tequila-Konsum ist mir nie aufgefallen; er war während unserer Arbeit immer sehr fokussiert. Sobald er ins Studio kam, sang ich diesen alten Marc Bolan-Song „He was a wizard and he was a friend he was“. Als ich Dan dann fragte, was passiert sei, antwortete er nur „Die Dämonen haben ihn besiegt“. Sobald wir aufgelegt hatten, fing ich an, Notizen für einen Songtext runter zu kritzeln. Ein paar Wochen später, am 3. Juli 2018 starb unser lieber, lieber Freund Swift. Es war ein schrecklicher Verlust, nicht nur für die gesamte Musikwelt. Ein paar Monate später waren wir beim Arroya Seco Festival im kalifornischen Pasadena zu Gast. Mein amerikanischer Lieblings-Comedian Bill Burr kam uns dort besuchen. Nach unserem Auftritt gingen wir durch die Menge, um uns The Specials anzusehen. Sie waren echt mega! Die beste Band auf dem Festival. Und da stand ich nun mit Bill Burr. Es fühlte sich an, als wäre ich auf meinem Traum-Date. Danach schrieb ich „Lightning Man“ in einer Specials-Version. Ich rolle Swift, Bill Burr und The Specials zu einem dicken, fetten Joint in Form eines Songs. Stephen Street hat eine echt beeindruckende Erfolgsbilanz in Sachen Reggae. In den frühen 80ern war er der feste Tontechniker im Fallout Shelter Studio von Island Records.

LF: Mir gefällt besonders der Song, der sich nach Lou Rawls anhört.

CH: Oh, du meinst „You Can´t Hurt A Fool“. Ich glaube, neben verrücktem Rock And Roll war wohl R&B unser größter Einfluss. James und ich hatten echt zu kämpfen, um all Feinheiten und Nuancen eines R&B-Klassikers originalgetreu umzusetzen und mit modernen, autobiographischen Lyrics zu kombinieren. Der Narr, von dem die Rede ist, bin ich!

LF: Bitte erzähl mir etwas über meinen Lieblingssong „Crying In Public“.

CH: Oh, ein weiteres, trauriges Stück. In den letzten Jahren habe ich immer wieder von ein paar meiner Freude gehört, dass sie in der Öffentlichkeit angefangen hätten, zu weinen. Und wie peinlich sie das berührt hätte. Das scheint bei einigen Hühnern heutzutage völlig normal zu sein. Tatsächlich habe ich auch selbst schon an öffentlichen Orten die eine oder andere Träne verdrückt. Stephen Street schlug vor, das Duke Quartet an Bord zu holen. Das ist ein gutes Beispiel, warum Stephen so ein großartiger Produzent ist: Er weiß ganz genau, was ein Song braucht. Er war schon für die Produktion unseres Akustikalbums „The Isle Of View“ aus dem Jahr 1995 verantwortlich und stellte uns den Dukes vor. Seitdem wollte ich immer einen zweiten Teil machen, hatte aber bisher noch nicht die Zeit. Es war eine schöne Sache, wieder mit ihnen arbeiten zu dürfen. Am Klavier ist James W zu hören; er kriegt diesen Kirchen-ähnlichen Raumklang hin wie kein Zweiter.

LF: Was ist mit „I Didn`t Want To Be This Lonely“?

CH: Nachdem wir „Break Up The Concrete“ aufgenommen hatten, wusste ich, dass ich James und Nick dazu kriegen müsste, mehr Rockabilly-Kram zu machen. James ist ein echter Meister dieses Fachs. Er hat immerhin mit Jerry Lee Lewis aufgenommen! Und auch Nick ist ziemlich gut darin. Manchmal spielt er Standbass in einer Rockabilly-Band. Und Mart ist ein echter Shuffle-Beat-König. Im Grunde ihres Herzens sind sie alle Hillbillies, glaube ich.

LF: Handelt es sich beim „Turf Accountant Daddy“ um einen deiner Ex-Freunde?

CH: Mehr oder weniger. Ich habe ein paar schmierige Charakteristiken übernommen. Ich war nie mit einem Buchmacher zusammen, jedenfalls nicht wissentlich. Ich glaube, es ist mein Lieblingssong auf dem Album. Ich liebe seinen „Top Of The Pops“-Sound. Ein Bekannter aus den Staaten erzählte mir kürzlich, dass dort der Begriff Turf Accountant für einen Buchmacher unbekannt ist. Echt blöd. Aber sie lieben ja das Glücksspiel und werden schon irgendwie rausfinden, worum es geht.

LF: Könnte der Song „I Didn`t Know When To Stop“ mehr Referenzen an das Malen haben, als dein Stück „Adding The Blue“?

CH: Oh ja. Es geht um den schrecklichen Moment, wenn man einfach nicht aufhören kann, obwohl das Bild schon fertig ist und dann versaut man es total. Man könnte es wohl als Metapher für so manches betrachten. Tatsächlich ist der Song metaphorisch gemeint. Klingt intellektuell.

LF: Handelt „Junkie Walk“ von einem Ex?

CH: Oh je, erwischt! Nein, tatsächlich entstand er als Kommentar auf diesen besonderen Gang, den Junkies drauf haben. Kopf nach unten, die Hände in den Taschen und sehr schnell, weil sie sich grade was besorgen wollen. Man kann diesen Gang überall beobachten. Wir schreiben immer noch über das, was wir beobachten. Ein sozialkritischer Kommentar und so.

LF: Der mich zu „The Buzz“ mit seinen zahlreichen Drogen-Anspielungen führt.

CH: Ich denke, wir alle wissen sehr gut, dass Liebesbeziehungen manchmal die Züge einer Drogensucht annehmen können. Davon handelt dieser Song. Ich bin natürlich nicht gemeint – I`m never obsessive never obsessive never obsessive.

LF: Zum Schluss „Maybe Love Is In New York City“.

CH: Der Song wurde von einem T-Shirt inspiriert, das mir ein Freund aus New York schenkte. Ich trug das Shirt. Schrieb den Song. Nun muss ich nur noch die Liebe in New York City finden.

LF: Gibt es etwas, was du noch hinzufügen willst?

CH: James Walbourne hat es ganz gut zusammengefasst, als er sagte: Niemand außer Stephen Street hätte dieses Album machen können. Ich schickte es zu John McEnroe, einem Gitarristen den ich kenne. Er spielt außerdem Tennis und ist der größte Rockfan, den ich kenne. Er meinte: Wow, ich habe mir grade dein Album angehört. Oldschool, ich liebe es! Songs kurz und süß und Rock And Roll vom Feinsten.

(BMG Rights Management)