Woods Of Birnam

Woods Of Birnam
Biography

Single: „Isolation“

Album: „Grace“

BLÜHENDES VERGESS’DEINNICHT

von Cornelius Pollmer

Wenn ein Mensch für immer geht, bleiben wuchernde Fragen. Wohin mit der Wut, dem Schmerz, der Verzweiflung? Wie umgehen mit unendlicher Liebe, mit der Erinnerung, mit spitz stechender Sehnsucht? Wenn ein Mensch für immer geht, dann muss das ein verdammter Anfang sein für die, die er zurücklässt. Das Leben, was war das nochmal? Und wie, bitte, soll es weitergehen?

Im Dezember 2013 ist die Mutter von Christian Friedel unerwartet verstorben. Auf einen Schlag wurde es Nacht für Christian und somit auch in den Wäldern von Birnam. Nie war diese Nacht dunkler gewesen. Es wucherten Fragen, es blieb: mehr Verdammnis als Anfang.

Nun, viereinhalb Jahre später, liegt GRACE vor uns. Formal betrachtet ist es das dritte Studioalbum von Woods of Birnam. Mit dem Herzen betrachtet sehen wir viel mehr. Wir sehen ein kostbares Nachtschattengewächs aus den Wäldern von Birnam, ein farbenreiches Vergess’deinnicht. Sein Leuchten ist hoffentlich noch von jener Wolke zu sehen, für die GRACE überhaupt gewachsen ist.

Für uns Zuhörende ist dieses Album auch das herzbesitzergreifende Dokument einer Heldenreise. Der Reise des Sohnes nämlich, der unter jener Wolke hier auf Erden seinen Weg weitergehen musste und mochte. Es ist eine Reise, in der gewaltige Trauerarbeit ansteht, bevor an Vergnügen wieder zu denken ist. Eine Reise, deren Bericht uns ganz grundsätzlich zu Angehörigen macht. Eine Reise schließlich, die den Helden nicht auf eine grell ausgeleuchtete Popstarbühne führt oder zum entscheidenden 1:0 im Endspiel. Nein, diese Reise endet vorläufig dort, wohin der Weg noch steiniger ist: zurück im Leben.

Die Hoffnung auf dieses Ziel schimmert auf GRACE von Beginn an in fast allen Stücken. Dem beschwerlichen Gedankengang der Texte stehen musikalisch Leichtfüßigkeit und atmosphärischer Pop kontrastierend entgegen. Dieser Kontrast erlaubt es einem erst, diese lange Nacht bewusst zu durchschreiten, sich mit ihr auseinanderzusetzen.

Das Zentrum dieser Nacht ist die Einsamkeit und ist die Überzeugung, dass es kein Morgen geben kann. Christian Friedel findet sich jener “Isolation” wieder, in der einem nichts mehr bleibt als die Schwere des eigenen Herzens. Wo selbst “memories of elation only help to hold me down”. Wo sogar die Hoffnung “just a tease” scheint, ein trügerischer Plagegeist (aus “All we need”). Keine Liebe kommt herein, keine Liebe geht hinaus aus dieser Isolation. Es bleibt schließlich, so hören und fühlen wir es in “Overload”: völlige Überlastung. “When you need more than you know / and it feels like a one-man-show.”

In “Homeless” scheint der finale Zusammenbruch unvermeidbar. Wer könnte das schon, “living with the weight of the world”? Atlas ist am Ende, einzig der Chor ermahnt ihn sibyllinisch zum Durchhalten.

Tatsächlich bricht wieder Sonnenlicht, hüftkreisend gar in der “Hommage au Soleil”. Moment, steht da etwa jemand steif und mürrisch am Rand, empört, dass nach Tod und Verderben und Einsamkeit auf einmal die Sonne scheinen soll, einfach so? Mei, so ist es eben manchmal. Dem Himmel sei Dank ist es so.

Bei aller Trauer, trotz aller Erlösung: Nie gerät auf GRACE in Vergessenheit, wem dieses Werk gebührt, wessen Anmut und Charme und Liebe es zu würdigen wünscht. Christian Friedel erinnert sich an die Kraft seiner Mutter, an ihren von Widerständen kaum zu bändigenden Willen – “your learning can break any law”. Er erinnert sich an das sanfte Glück ihrer Zuwendung – “your time is a potion that lullabies just like a lark”. Und er stellt in dem einschnürend berührenden Stück “Alone” fest, wie sehr, verdammte Scheiße, einem selbst die vielen guten Ratschläge der Mutter fehlen, sobald sie einem nicht mehr erteilt werden, sobald die Leere Raum greift, sobald wir gefallen sind – “fallen from the arms that / held / so strong”.

Welch größeres Geschenk könnte ein Sohn seiner Mutter machen, als nach einem solchen Fall wieder in die Spur zu finden? Nachdem er den stark und liebend haltenden Armen entglitten ist, schafft Christian den “Call to Arms”, er ruft zu den Waffen. Es ist ein Ruf gegen die Dunkelheit. Beginnt damit nicht jede Rekonvaleszenz, mit dem Willen, sich gegen die Trauer zu erheben? Das Album GRACE ist ein fantastisches Zeugnis dieses Willens. Es berichtet vom möglichen Wunder des Weitermachens. Es spendet Kraft und Zuversicht, gerade weil es die Dunkelheit zulässt, ohne in dieser zu verharren. Das Ergebnis ist vielstimmig, vielfarbig, ganz bewusst. Vor uns liegt GRACE, vor uns liegt, was für erschütternd gute Nachricht: Leben.

(Royal Tree Records / Broken Silence)


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